From: "Dorothea Pfeiffer" Newsgroups: de.soc.drogen Subject: Drogenpolitik! So nicht! Date: Mon, 15 Jun 1998 02:09:04 +0200 Message-ID: <35846620.EB73451D@uni-muenster.de> ACHTUNG: ZUM LESEN DIESER MAIL BRAUCHT MAN ETWAS GEDULD Liebe Leute, in letzter Zeit hat hier erfreulicherweise auch die Diskussion über harte Drogen zugenommen. Dabei stören mich allerdings die Diskussionsteilnehmer, die außer persönlicher Betroffenheit und allgemeinen Warnungen (Laßt besser von xy die Finger, weil es Euch genau wie mich ruinieren wird!) wenig Information beisteuern. Ich möchte mich nicht über persönliche Schicksale lustig machen, da ich selber weiß, wie schlecht es einem als Heroinisten gehen kann, mein Kritikpunkt ist ein ganz anderer. Mich ärgert es besonders, wenn gerade Drogenabhängige derart auf die Anti-Drogen-Propaganda "hereinfallen", und in einer unschuldigen Substanz einen Teufel oder sonst etwas Bedrohliches sehen. Natürlich, wenn ich mich trotz zahlreicher Hinweise zur Gefährlichkeit einer Substanz mit dieser einlasse, sogar wenn ich mehr oder weniger in den Gebrauch "hereinschlittere", habe ich trotzdem eine Entscheidung getroffen, für die ich die Verantwortung übernehmen muß. Das Argument, man habe zu diesem Zeitpunkt die weiteren Folgen nicht realistisch einschätzen können, zählt für mich deshalb nicht, weil die Unvorhersehbarkeit der Ereignisse für so ziemlich jede Entscheidung gilt. Nehme ich das Studium eines bestimmten Faches auf, so habe ich keine Garantie, daß sich der Verlauf des Studiums mit meinen Erwartungen deckt. Heirate ich meinen Schatz so garantiert mir niemand, daß er/sie mich nicht nach dreijähriger Ehe schlägt oder betrügt. Wenn ich Kinder in die Welt setze kann ich nur hoffen, meiner Aufgabe gerecht zu werden und sie zu halbwegs nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft zu erziehen. Den einzigen Hinweis auf die Richtigkeit meiner Entscheidung kann mir meine Erfahrung, mein Selbstvertrauen und realistische Selbsteinschätzung, sowie meine Menschenkenntnis geben. Wahlfreiheit beinhaltet immer die Möglichkeit des Scheiterns. Überdenke ich nun meine Entscheidung von vor sieben Jahren, Heroin zu rauchen, so muß ich eingestehen, daß ich mich in Bezug auf Selbstkontrolle und Charakterstärke völlig überschätzt habe. Das ist sicher bedauerlich und auch mit viel persönlichem Leid verbunden, dennoch ist für mein Scheitern nicht etwa die Substanz Heroin verantwortlich, sondern ich selbst. Verantwortung verstehe ich hier nicht im Sinne von Schuld, da zur Entstehung einer Anhängigkeit über die initiale Entscheidung hinaus noch eine Vielzahl anderer Faktoren eine Rolle spielen, die man unmöglich alle einkalkulieren oder kontrollieren kann. Okay, was bedeutet es nun für mich, die Verantwortung für meine Handlungen zu übernehmen? Zum einen bin ich dadurch in der Lage, aus meinen Fehlern zu lernen (klingt voll schwulstig, mein ich aber ehrlich). In meinem Fall bedeutet das, daß ich die Wirksamkeit aller pauschalen Warnungen bezweifle. Nimm nicht XY, weil dann unweigerlich YX passiert, ist wenig hilfreich, weil ich meine Erfahrung nicht verallgemeinern und als allgemeingültig hinstellen darf. Zudem wollte ich gerade den Cassandras damals meine Immunität gegenüber der Sucht beweisen. Wäre Heroin nicht so schrecklich verboten und verrufen gewesen, hätte es damals nicht mein Interesse gefunden. So weit ich weiß, üben Verbote auf einige Menschen ebenfalls eine magische Anziehungskraft aus, man will sich ja von den tumben Biertrinkern abheben. Schließlich sichert einem schon der Konsum besagter Droge, verbunden mit der Lektüre kultigster Kultbücher von Burroughs, Baudelaire und de Quincey den Bohème-Status ;), so einfach isses! (besonderer Trumpf für den wahrhaft Intellektuellen sind Ernst Jüngers Drogen-"Annäherungen", was der Stahlgewitter verherrlichende Nazi-Greis geschafft hat, schaff ich auch mit links...) Obwohl mein persönlicher Triumph wie gesagt ausblieb, versuche ich hier in der Diskussion auf Anfragen möglichst sachliche Hinweise zu geben. Für Fragen wie "Wie rauche ich Heroin und welche Nebenwirkungen hat das?" gilt zunächst, daß ich den Fragesteller erst einmal ernst nehmen muß. Aus irgendeinem Beweggrund möchte A dies also wissen, daher geht die Antwort "laß es" völlig an seinem Interesse vorbei. Da man den möglichen Einfluß meiner Antwort auf A's spätere Entscheidung nicht gering genug einschätzen kann, bleibt mir nur die Möglichkeit, ihn auf die möglichen Konsequenzen seiner Entscheidungsalternativen aufmerksam zu machen. Vielleicht hilft es ja, ihm zu schidern, wie es einem persönlich ergangen ist, und ihm Tips zu geben, wie er in seinem Fall eine ähnliche Entwicklung vermeiden kann. Ich gehe deshalb so ausführlich darauf ein, weil ich z.B. als Antwort auf eine gepostete Studie, nach der 40 - 60 Prozent der Heroingebraucher nichtabhängige Gelegenheitskonsumenten sind, die anklagenden Worte erhielt, durch mein posting sei ich jetzt verantwortlich für das Schicksal der Leute, die daraufhin leichtfertig Heroin probieren. Diese Sicht von Ursache und Wirkung, von Entscheidung und Verantwortung entspringt IMHO der irrwitzigen Anmaßung, aus Verantwortung gegenüber vermeintlich Unmündigen die Wahrheit zur Abschreckung verfälschen zu müssen. Mehr als 30 Jahre auf Abschreckung beruhender Drogenpolitik zeigen, wie untauglich Abschreckung durch Verbiegung von Fakten ist. Kinder sind viel smarter als sich viele Leute vorstellen können, die durchschauen Lügen und Halbwahrheiten sofort. Wenn jemand aus freien Stücken heraus eine Frage stellt ist das IMO ein Zeichen dafür, daß die nötige Reife vorhanden ist, um mit der Wahrheit umzugehen. Der Aufwand, nach d.s.d zu posten zeigt doch, daß ernsthaftes Interesse an dem Thema besteht. Ich denke, daß die Leute, die sich nicht informieren, die keine Fragen stellen, viel stärker gefährdet sind als die Wißbegierigen. Gerade wenn ich die betreffende Person ernst nehme und mich auch ein wenig für meine Mitmenschen verantwortlich fühle, ist es doch besser dafür zu sorgen, daß sie meine korrekte Information erhält, und nicht vielleicht Halbwahrheiten von anderer Seite. Das ärgerliche an der derzeitigen Drogenpolitik ist allerdings, daß durch sie persönliche Probleme und Abhängigkeit, isoliert betrachtet durchaus revidierbare Zustände, erst zur tödlichen Katastrophe werden. Von den drei Faktoren Substanzeigenschaft, Persönlichkeit und Rahmenbedingungen verursacht der dritte Faktor die meisten Probleme. Es ist weder die Droge, noch die vielleicht defizitäre Persönlichkeit, sondern die Prohibition, der War on some drugs, die unsinnigen Gesetze, die für den Großteil des persönlichen Leids verantwortlich sind. Heroin ist eine Substanz, die sich in nichts von anderen, für den medizinischen Gebrauch zugelassenen Opiaten unterscheidet. Das Stigma, das Heroin heutzutage anhaftet, ist eine Folge von Harrison Act 1914, Haager Abkommen und Opiumgesetz, welches das Deutsche Reich 1921 nur auf internationalen, bes. amerikanischen Druck (Versailles) ratifizieren mußte. "Führen wir uns an dieser Stelle kurz einmal vor Augen, wie groß das Ausmaß des Opiatgebrauchs zur Zeit ... des Gesetzgebungsverfahrens tatsächlich war, dann stellen wir fest, daß ein Opiat-"Problem" praktisch nicht existierte: So waren im Jahre 1927 gerade 3.500 OpiatkonsumenInnen im damaligen Deutschen Reich registriert; davon wurden 99 [sic!] als HeroinistInnen eingestuft." (Gerlach, Ralf/Engemann, Stefan: Zum Grundverständnis akzeptanzorientierter Drogenarbeit, 3. Aufl., Münster 1995, S.15 Als weiteren Literaturhinweis zum Verhältnis "Drogenprohibition -> Entstehung eines Drogenproblems" kann ich empfehlen: - Scheerer, Sebastian: Die Genese der Betäubungsmittelgesetze in der Bundesrepublik Deutschland und in den Niederlanden, Göttingen 1982 - Scheerer, Sebastian / Vogt, Irmgard (Hrsg.): Drogen und Drogenpolitik. Ein Handbuch, Frankfurt 1989 - Brecher, Edward M. and the Editors of Consumer Reports Magazine: The Consumers Union Report on Licit and Illicit Drugs, 1972 Zitiert nach http://www.druglibrary.org/schaffer/Library/studies/cu/cumenu.htm. - Terry, Charles E./Pellens, Mildred: The Opium Problem, New York 1928. Zitiert nach http://www.druglibrary.org/schaffer/library/studies/op/op1.htm. - Whitebread, Charles: "The Sociology of Prohibition or the History of the Non-Medical Use of Drugs in the United States", Rede zur Jahreskonferenz der California Judges Association 1995, zitiert nach http://www.lycaeum.org/~sputnik/Ludlow/Texts/history.html Mein Argument ist folgendes: Bevor Deutschland erzwungener Maßen eine restriktive Drogengesetzgebung einführen mußte, war Drogenabhängigkeit als Problem praktisch unbekannt. Da alle Substanzen legal und damit zu bezahlbaren Preisen erhältlich waren, wurde die Abhängigkeit von Opiaten höchstens als "Laster" angesehen, die Assoziation von Drogen und Kriminalität ist Folge der Gesetzgebung, die den Abhängigen den legalen Zugang zu den gewünschten Substanzen nahm. Für die USA gilt das Gleiche, obwohl dort die Zahl der Abhängigen zu Ende des 19. Jahrhunderts sehr groß war. David F. Musto schätzt in seiner Schrift "The History of Legislative Control Over Opium, Cocain and Their Derivatives" für das Jahr 1880 250.000 Opiatabhängige bei einer Bevölkerungszahl von 76 Millionen, was einer Quote von 0,3 Prozent entsprechen würde (Zitiert nach http://www.druglibrary.org/schaffer/History/ophs.htm). Diese hohe Zahl der Abhängigen resultierte aus der freien Verfügbarkeit von Morphinderivaten jeglicher Art. Besonders beliebt waren sogenannte Patenmedikationen, die für alle Beschwerden von Schlaflosigkeit, Nervösität, Husten, Frauenbeschwerden usw. angeboten wurden. Diese Patentmedikationen erhielten meist Laudanum (Opiumtinktur in Alkohol, glaube ich), oder sonstige Bestandteile des Opiums. Erstaunlicherweise waren die meisten Abhängigen bürgerliche (Mittelklasse) weiße, mittelalte Frauen aus ländlichen Gegenden, besonders aus den konservativen Südstaaten. (Als ich das gelesen hatte, konnte ich das zuerst gar nicht glauben.) Also genau das Gegenteil derjenigen Gruppe, gegen die heute in den USA geradezu ein Krieg geführt wird: Young poor black males! Zur Zeit sind mehr schwarze junge Männer im Gefängnis als auf dem College!! Zurück zu den Damen, die man in Deutschland heutzutage wohl als die typische "Klosterfrau Melissengeist"- oder "mother's little helpers"-Zielgruppe bezeichnen würde. Die Abhängigkeit dieser Frauen stellte überhaupt kein öffentliches Gesundheitsproblem dar, genauso wenig wie deren evtl. Tablettenabhängigkeit heute. Sie wurden schlimmstenfalls bedauert, blieben aber völlig unauffällig. Auf keinen Fall wurden sie als Bedrohung für die Gesellschaft angesehen:"Angestellte wurden wegen ihrer Sucht nicht entlassen. Ehefrauen ließen sich von ihren süchtigen Ehemännern ebensowenig scheiden wie Ehemänner von ihren süchtigen Ehefrauen. Kinder wurden nicht aus ihren Familien genommen, weil eines oder beide Elternteile süchtig waren. Süchtige nahmen weiterhin uneingeschränkt am Gemeinschaftsleben teil. Süchtige Kinder und Jugendliche gingen weiterhin zur Schule, zur Sonntagsschule oder zum College." Gerade durch das Fehlen von moralischen oder strafrechtlichen Konsequenzen wurden im 19. Jahrhundert verhängnisvolle Folgen für die Abhängigen und für die Gesellschaft vermieden: "The nineteenth century avoided one of the most disastrous effects of current narcotics laws and attitudes - the rise of a deviant addict subculture, cut of from respectable society and without a 'road back' to respectability." (Brecher 1972, Kap. 1) Und wie sieht die Situation heute aus , in den USA und dem Rest der freien Welt, der den USA begeistert die Füße küsst, und den war on drugs - sei er so sinnlos, brutal, ungerecht, ineffektiv und teuer wie er ist - begeistert mitmacht? Für die gesamten USA wird 1997 eine Zahl von 600.000 Heroinabhängigen geschätzt, was bei ca. 250 Millionen Einwohnern einen Anteil von 0,24 Prozent ergibt. (Drug Czar General Barry McCaffrey am 29.09.97, zitiert nach http://peele.sas.nl/debate/heroin.html ) Im Vergleich dazu, ist die heutzutage geschätzte Zahl von 100.000 Konsumenten harter Drogen in der Bundesrepublik ziemlich gering, sie entspricht ca. 0,1 Prozent der Bevölkerung von 80 Millionen Deutschen. Obwohl man mit historischen Zahlenangaben vorsichtig sein muß, sind wahrscheinlich auch neueren Zahlen äußerst ungenau (Wert für 1997 vgl. Bossong, Horst: Drogenhilfe in Deutschland- ein Überblick, erschienen in Bossong, Horst/Gölz, Jörg/Stöver, Heino: Leitfaden Drogentherapie, New York 1997, S. 19. Im folgenden zitiert als Bossong 1997). Trotz dieses irren, ungerechten Krieges, der allein in den USA dieses Jahr über 16 Milliarden US$ kosten wird (nur Ausgaben des federal government) und der jeden Tag 117 Menschen ins Gefängnis bringt (Quelle: http://www.drugsense.org/wodclock.htm), gibt es in den USA immer noch genauso viele Drogenabhängige wie im 19. Jhd., und in Deutschland sogar deutlich mehr. Wo liegt der Sinn der Prohibition? Man beachte, daß vor der Einführung der prohibitiven Gesetzgebung, die sozialen Folgen der Abhängigkeit wie geschildert nicht existent waren. Im Gegenteil, die Erfahrungen des vergangenen Jahrhunderts zeigen sogar, daß süchtige Menschen wertvolle Mitglieder der Gesellschaft sein können. Mehrere Untersuchungen stellten um die Jahrhundertwende fest, daß die Mehrzahl der Opiatkonsumenten gebildet war und zu den ehrenvollsten und nützlichsten Mitgliedern der Gesellschaft gehörte. (So war z.B. William Halsted, zu seiner Zeit weltberühmter Chirurg und Mitbegründer der John Hopkins Medical School in Chicago bis zu seinem Tod 1922 im Alter von 70 Jahren opiatabhängig und brauchte nie weniger als 180 mg Morphium am Tag. Vgl. dies mit einem heutigen Heroinabhängigen, der sich um eine äquivalente Dosis zu erhalten, jeden Tag mindestens 1-1,5 g Straßenheroin kaufen muß. Vgl. Brecher 1972, S.35) Angesichts dieser Fakten stellt sich nun jedem die Frage, warum denn überhaupt Drogengesetze erlassen wurden, wenn der Drogenkonsum doch keine negativen Auswirkung hatte. Wer hätte es geahnt, die ersten Gesetze gegen den Konsum von Drogen wurden aus rassistischen Gründen erlassen: Erst die Sitte chinesischer Arbeiter, die in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts für den Eisenbahnbau nach Kalifornien geholt worden waren, Opium zu erhitzen und die morphinhaltigen Dämpfe zu inhalieren, stieß auf große gesellschaftliche Ablehnung. Die Chinesen hatten sich als gute Arbeiter erwiesen, strömten aber nach dem Ende des Baus der transkontinentalen Eisenbahn am 10. Mai 1869 nach San Francisco zurück, um Arbeit zu suchen. Dies wurde von der dortigen Bevölkerung als lästige Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt angesehen, so daß es zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen kam. In der Folgezeit entstand eine soziale Bewegung, die gegen die als anstößig empfundenen chinesischen Sitten und Gebräuche kämpfte. Dazu gehörte auch die Sitte des Opiumrauchens, die auch außerhalb der chinesischen Arbeiter Anhänger fand. Es hatte sich eingebürgert, daß weiße Männer und Frauen zusammen mit den Chinesen Opium rauchten, was sie in den Augen der Öffentlichkeit moralisch völlig verkommen ließ. Das in Folge darauf 1878 in San Francisco erlassene Verbot des Opiumrauchens war das erste Gesetz, daß bezüglich des Drogenkonsums erlassen worden war. Hauptziel dieses Verbotes, sowie das anderer anti-chinesischer Gesetze war jedoch, die zunehmende Einwanderung chinesischer Arbeiter zu verhindern, indem man den Chinesen in Amerika das Leben so schwer wie möglich machte. Bis 1914 stellten die meisten amerikanischen Bundesstaaten das Betreiben von Opiumhöhlen unter Strafe. Diese Gesetze wurden jedoch eher aus rassistischen Motiven verabschiedet, als aus Sorge über die Zahl der Drogenkonsumenten. "Neben diesen gegen eine ethnische Minorität (Chinesen) gerichteten Gesetze in einzelnen Bundesstaaten gab es weder eine Stigmatisierung des Konsums von Drogen noch wurde er seitens der Bevölkerung in irgendeiner Form mit Kriminalität in Verbindung gebracht. Um die Jahrhundertwende benötigte und verlangte die Drogenkultur der USA kein diesbezügliches Kontrollsystem." (Beke-Bramkamp, Ralf: Die Drogenpolitik der USA, 1969 - 1990, unter besonderer Berücksichtigung ihrer Auswirkungen auf die Bundesrepublik Deutschland und den europäischen Einigungsprozeß, Baden Baden 1992, zugl. Münster (Westfalen), Univ., Diss., 1991, S.67.) Die weitere Motivation der USA, sich weltweit für das Verbot bestimmter Drogen einzusetzen, liegt in machtpolitischen und wirtschaftlichen Überlegungen begründet. Die Betäubungsmittelgesetze resultieren also in erster Linie nicht aus internen Probleme der sich industrialisierenden Länder, sondern aus deren finanzpolitischen Außenhandelskonflikten. In China war das Rauchen von Opium in einer Pfeife bis zum Ende des 17. Jahrhunderts auf den sozial integrierten Gebrauch in den höfischen Klassen beschränkt. Das meiste Opium wurde bis Mitte des 18. Jahrhunderts von den Portugiesen über Macao nach China gebracht. Dies änderte sich, als die Engländer nach der siegreichen Schlacht von Plassey 1757 das Opiummonopol des Großmoguls übernehmen. Bisher mußten die Briten, die großes Interesse an chinesischen Waren wie Tee, Seide und Gewürzen hatten, diese Waren immer in Silber bezahlen, da die Chinesen ihrerseits kein Interesse an britischen Importen hatten. China war mit 300 Millionen Einwohnern ein attraktiver Markt, Handel war für Ausländer jedoch nur über die Stadt Kanton erlaubt. Die East India Company besaß hier ein Monopol für den gesamten britischen Handel, einschließlich des lizensierten Handel mit Opium. Die Mengen des lizensierten Handels reichte der East India Company jedoch nicht aus, sie begann zur Aufbesserung ihrer Handelsbilanz Opium nach China zu schmuggeln. Im Laufe der Zeit wurde die Zahl der Opiumraucher und die daraus entstehenden Probleme immer größer, weil China mit Opium überflutet wurde. In der Zeit zwischen 1729 und 1835 verzehnfachten sich die Opiumeinfuhren von 14 Tonnen auf 2100 Tonnen , obwohl der chinesische Kaiser versuchte, mittels repressiver strafechtlicher Kontrolle die Einfuhren zu unterbinden. In verschiedenen Edikten wurde die Einfuhr von Opium mit der Todesstrafe belegt, was jedoch ohne Erfolg blieb. Obwohl einige Beamte am kaiserlichen Hof vorschlugen, die Opiumeinfuhren zu legalisieren und damit über die Besteuerung wenigstens mitzuverdienen, da es sowieso nicht möglich war, den Opiumschmuggel zu unterbinden, blieb der Kaiser bei seiner Prohibitionspolitik. Dies führte 1839 zur Eskalation, als kaiserliche Beamte die englischen Kaufleuten in Kanton zur Herausgabe ihrer Opiumvorräte zwangen. Außerdem sollten sie zusichern, nie mehr Opium nach China zu bringen. Aus finanziellen Gründen wollte man nicht auf das Geschäft mit dem Opium verzichten: "The value of the opium sold in China amounted to well over two million pounds - getting on for half the amount then annually devoted for paying for the Crown and the Civil Service in Britain." Daher kam es 1840 bis 1842 zum ersten Opiumkrieg, den England gewann. China mußte fünf Häfen für den Außenhandel öffnen, darunter Shanghai, zusätzlich wurde Hongkong an England abgetreten. Die Marktöffnung Chinas für westliche Handelsmächte, die auch ein erklärtes Ziel des Krieges gewesen war, wurde jedoch nur teilweise erreicht. So weigerten sich die Chinesen auch nach ihrer Niederlage noch, die Opiumeinfuhren zu legalisieren. Die Opiumeinfuhren stiegen zwar deutlich an, bewegten sich aber rechtlich in einer Grauzone, es mußten immer noch Bestechungsgelder an kaiserliche Beamte gezahlt werden. Erst nach dem zweiten Opiumkrieg (1856 - 1860) wurde die entgültige Öffnung des Marktes im Vertrag von Tsientsin durchgesetzt. Danach stieg die Einfuhr noch einmal an auf die Rekordmenge von 5.800 Tonnen im Jahr 1879. Dann aber begannen in den letzten beiden Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die Einfuhren zu sinken. Hierzu trug der verstärkte chinesische Eigenanbau, die erwachende nationale Bewegung in China, die das Opium als Symbol der Unterdrückung geißelte, sowie die innerenglische Opposition, die den Export als höchst unmoralisch ansah, zu einem gewissen Ausmaß bei. Der Hauptgrund jedoch war der Druck, den die Vereinigten Staaten auf England ausübten. Die USA versuchten, ihren Einfluß auf den chinesichen Markt zu sichern, und waren besorgt über den Einfluß des englischen Opiumhandels auf die chinesische Ökonomie und Gesellschaft. Schließlich erklärte sich England im Jahre 1906 unter internationalem Druck bereit, die Opiumeinfuhren nach China jährlich um 10 Prozent zu reduzieren, und bis 1917 den Handel vollständig einzustellen. Rückblickend wird die Funktion des Opiumkriegs von Historikern meistens darin gesehen, daß er China für die westliche Welt öffnete. Das Interesse der USA bei der Kontrolle des Betäubungsmittelverkehrs lag wohl in der handelpolitischen Eindämmung des europäischen Kolonialismus, um China für den freien Welthandel amerikanischer Prägung zu erschließen. Zudem bot die Thematik die Möglichkeit, sich als Vertreter einer moralisch höherwertigen internationalen Politik zu profilieren. Dieses Sendungsbewußtsein führte auch dazu, daß die USA 1909 in Shanghai eine internationale Konferenz organisierten, auf der sie jedoch keine ihrer Forderungen nach Kontrollmaßnahmen im ostasiatischen Raum durchsetzen konnten, was die Leiter der amerikanischen Delegation auf das Fehlen eines innerstaatlichen Prohibitionsgesetzes zurückführten. Um diese Glaubwürdigkeitslücke zu schließen, wurde, als sich 1911 eine Folgekonferenz abzeichnete, von David Foster ein Gesetz in den Kongreß eingebracht, das vorsah, daß Drogenhändler wie Apotheken Geschäftsbücher führen und eine Steuer entrichten sollten. Der Entwurf wurde aber abgelehnt, weil Einbußen der Pharmaindustrie befürchtet wurden. Das Deutsche Reich hatte ebenfalls an der Konferenz in Shanghai teilgenommen, zeigte aber für die Thematik insgesamt wenig Interesse. Die Nachfolgekonferenz fand 1911 in Den Haag statt. Hier wurde aufgrund der englischen Strategie, die koloniale Opiumfrage unter Hinweis auf das funktionierende Abkommen mit China auszuklammern, verstärkt die industrielle Drogenproduktion thematisiert. Dadurch wurden die deutschen Wirtschaftinteressen gefährdet, da das Deutsche Reich der größte Alkaloidproduzent der Welt war, und zudem eine stark exportabhängige Wirtschaft hatte. Aus diesem Grund verweigerte Deutschland den Beitritt zu Haager Opium Konvention, in der 1912 beschlossen wurde, jede Phase der Zubereitung und der Verteilung von medizinischem Opium, Morphium, Heroin und Kokain, sowie jedem neuen Derivat mit ähnlichen Eigenschaften, zu überwachen. Die genau Vorgehensweise wurde jedoch nicht geregelt, die Aufgabe der Drogenkontrolle wurde an die jeweiligen Landesregierungen übergeben. Mit der Forderung, Amerika müsse nun mit dem Erlaß eines Drogenstrafgesetzes auf Bundesebene die in Den Haag eingegangenen Verpflichtungen einlösen, kehrte die US-Delegation in ihre Heimat zurück. Obwohl die Stimmung in den USA teilweise aus rassistischen Gründen gegen den Drogenkonsum eingestellt war , argumentierten die Befürworter eines prohibitiven Gesetzes hauptsächlich mit der Verpflichtung, das internationale Abkommen zu implementieren. Schließlich wurde vom amerikanischen Kongreß der Harrison Act verabschiedet, ein Gesetzesentwurf, der nahezu identisch war mit der 1909 gescheiterten Foster-Novelle. Das Gesetz sah vor, daß alle Hersteller, Importeure, Apotheken und Ärzte, die im Harrison Act erwähnte Substanzen verschrieben, gegen eine moderate Gebühr eine Lizenz erhalten sollten. Die Hersteller von Patenmedizin waren sogar von dieser Bestimmung befreit, wenn ihre Zubereitungen nicht mehr als eine bestimmte Höchstmenge an Opiaten enthielt. Über das Recht der Ärzte, Drogen zu verschreiben wurde folgendes gesagt: "Nothing contained in this section shall apply...to the dispension or distribution of any of the aforesaid drugs to a patient by a physician...registered under this Act in the course of his professional practice only." Der Harrison Act sollte also eigentlich kein Prohibitionsgesetz, sondern lediglich ein Steuergesetz sein, daß den Handel und die Vermarktung von Opiaten und Kokain regelte. Zur Zeit der Verabschiedung des Harrison Act wurden auch die Befürworter einer Alkohol-Prohibition immer stärker. Zwar war schon 1869 die "Prohibitionist Party" und 1874 die "Women's Christian Temperance Union" gegründet worden, großen Zuspruch fand das "Temperance Movement" jedoch erst in der Zeit nach 1910. Im Dezember 1917 schließlich wurde die amerikanische Verfassung durch das 18. oder "Prohibition" Amendment ergänzt, das 13 Monate später auch von drei Viertel der damals 48 Staaten ratifiziert wurde. Somit war von 1920 an Herstellung, Verkauf und Konsum von Alkohol verboten. Die Alkoholprohibition legte auch den Grundstein, den Harrison Act von einem Steuergesetz zu einem dem Prohibitonsmodell nacheifernden Strafgesetz zu machen. Dadurch, daß der Kauf und Besitz von Drogen nur mit Steuerbanderole straflos blieb, wurde erstmals der Straftatbestand des illegalen Drogenbesitzes geschaffen. Den Ärzten wurde verboten, Drogen an Abhängige zu verschreiben, weil der im Harrison Act definierte Passus "in the course of his practice" im Zuge der prohibitonsfreudigen Stimmung nun folgendermaßen ausgelegt wurde: Drogenabhängigkeit ist keine Krankheit, folglich ist der Abhängige auch kein Patient des Arztes und somit ist der Arzt natürlich auch nicht berechtigt, dem Abhängigen die erforderliche Substanz zu verschreiben. Somit wurde schließlich ein Gesetz, daß lediglich den ordnungsgemäßen Vertrieb von Betäubungsmitteln regeln sollte, zu einem Gesetz, daß sogar die Versorgung von Abhängigen mit ihrer Droge auf ärztlichem Rezept unmöglich machte. Mit dem Harrison Act von 1914 und dem 18. Amendment 1920 wurde in den USA der Grundstein zu dem Drogenproblem gelegt, das heute immer noch existiert. Die Prohibition wurde zwar 1933 wieder aufgehoben, es war allerdings zu spät, um die entstandenen Schäden zu beseitigen. Da niemand das Trinken von Alkohol aufgeben wollte, entstanden kriminelle Strukturen, um die Bürger mit allem gewünschten zu versorgen. Dies traf um so mehr auf den Markt für Opiate zu. Hier ist die Nachfrage äußerst unelastisch, da das Verlangen nach seiner Droge den Abhängigen jeden Preis, und sei er auch noch so überteuert, zahlen läßt. Da legale Möglichkeiten, wie ärztliche Verschreibung, nicht mehr bestehen, um an die Droge zu gelangen, ist der Abhängige auf den Schwarzmarkt angewiesen. Ist eine Ware knapp, so können die Dealer hohe Preise verlangen, die der Süchtige nur mittels Diebstahl, Prostitution oder anderer krimineller Handlungen bezahlen kann. Der Staat verliert also auf doppelte Weise Geld: Zum einen fehlen ihm die Einnahmen, die er durch die Besteuerung der Droge erzielen könnte, bzw. vor dem Harrison Act auch erzielt hat, zum anderen entsteht durch die Beschaffungskriminalität der Abhängigen großer Schaden. Die Abhängigen, die im 19. Jahrhundert in ihrem Gemeinwesen als respektable Bürger leben und arbeiten konnten, werden nun in die Illegalität gedrängt und kriminalisiert. Die Gefängnisse füllen sich mit Menschen, deren einziges Vergehen der Konsum und die Anhängigkeit von bestimmten Substanzen ist. Trotz aller strafrechtlichen Bestimmungen wird die Zahl der Drogenkonsumenten immer größer. Statt zu erkennen, daß die prohibitiven Vorschriften wie im Falle der Alkoholprohibition uneffektiv, ist die Reaktion von staatlicher Seite jedesmal eine Verschärfung der strafrechtlichen Bestimmungen, in deren Folge sich die Probleme und Strukturen der organisierten Kriminalität immer mehr verfestigen. Die Situation in den USA ist hier deshalb so ausführlich dargestellt worden, weil das Vorgehen der Amerikaner großen Einfluß auf die Betäubungsmittelgesetzgebung in den europäischen Ländern und der ganzen Welt hatte. Die amerikanische Sicht des Drogenproblems wurde in den anderen Ländern übernommen, die amerikanische Gesetzgebung transplantiert. Ich hoffe, daß einige Interessierte bis hier her durchgehalten haben, weil ich den historischen Rückblick besonders wichtig finde, wenn wie in d.s.d über Legalisierung und Entkriminalisierung diskutiert wird. Ich zumindest war sehr überrascht, als ich mich in die Entstehung der Drogengesetzgebung eingelesen habe. Eigentlich müßte man ja von Re-Legalisierung von Drogen sprechen, im Bewußtsein der meisten Menschen ist jedoch leider verankert, daß das Drogenverbot 1. gottgegeben ist, 2. immer schon Bestand hatte, 3. lebensnotwendig ist, um das Überleben eines Staates (innere Sicherheit) zu gewährleisten. Hoffentlich konnte ich mit meinem Posting zeigen, daß dies nicht zutrifft. Es lohnt sich eben in vielen Fällen, aus der Geschichte zu lernen. Leider wird das Lernen aus der Vergangenheit in diesem unseren Lande nur in Sonntagsreden eingefordert und politisch benutzt. (Da denke ich an die routinemäßige Mahnung "Nie wieder!" in Bezug auf Faschismus und Holocaust.) Bitte keine Mißverständnisse, ich bin bestimmt kein Anhänger rechten Gedankenguts, mich stören nur die gebetsmühlenhaften Wiederholungen von Historikern wie Herrn Dr. Kohl, die ganzen Lippenbekenntnisse. Ich will nun nicht den Fehler machen zu behaupten, Drogenpolitik sei der wichtigste Politikbereich überhaupt, dann würde mich meine persönliche Betroffenheit ja blind machen. Nein, ich bin lediglich der Auffassung, daß eine Reform der Drogenpolitik in Richtung einer Liberalisierung aller Drogen auch aus wirtschaftspolitischen Gründen das Beste ist, wie inzwischen auch Experten wie der Nobelpreisträger Milton Friedmann? fordern. Zu den Kosten der Drogenprohibition siehe: Hartwig, Karl-Hans/Pies, Ingo (Hrsg.): Rationale Drogenpolitik in der Demokratie: wirtschaftswissenschaftliche und wirtschaftsethische Perspektiven einer Heroinvergabe, Tübingen 1995 1. sehr viel Geld sparen würde. Mindestens die Hälfte, bei den Frauen sogar 75 Prozent aller Gefangenen wären wieder freie Bürger, die für ihren Lebensunterhalt arbeiten könnten, und nicht auf Kosten der Steuerzahler sinnlos ihrer Freiheit beraubt wären. Die Kosten für die Unterhaltung eines riesigen Polizei- und Justizapparates würden rapide sinken, da es keine opferlosen Straftaten wie die Besitz-, Einfuhr-, Handelsdelikte nach dem BtMG mehr geben würde. Unser Strafrecht wäre wieder ausschließlich dafür dar, mala se (Übel, Verbrechen an sich), und nicht mala prohibita (Verbrechen, weil ein Gesetz existiert) zu bekämpfen. Es würde wieder Gerechtigkeit und Verhältnismäßigkeit herrschen, nicht der derzeitige groteske Zustand, daß BtM-Straftaten zum Teil härter bestraft werden als Körperverletzung und Vergewaltigung. 2. Wären alle Drogen auf irgendeine legale Weise erhältlich (Verschreibungsmodell durch Ärzte z.B.), würden die volkswirtschaftlich fatal hohen Folgekosten der Beschafungskriminalität wegfallen. Ich behaupte nicht, daß dann kein Drogenabhängiger mehr Straftaten begehen würde; bekannterweise waren einige Drogenabhängige ja schon vor Beginn ihrer Drogenkarriere kriminell. Trotzdem würde die Zahl der Eigentumsdelikte deutlich zurückgehen, Versicherungsprämien könnten wieder sinken, das subjektive Sicherheitsempfinden der Bürger wieder steigen, da die Zahl der Raubdelikte und Wohnungseinbrüche zurückgeht. 3. Wenn Drogen in kontrollierter Qualität legal erhältlich wären, würden die Folgekosten von Drogenabhängigkeit für das Gesundheitswesen stark zurückgehen. Niemand würde mehr an einer Überdosis aufgrund unbekannter Wirkstoffkonzentration sterben, niemand aufgrund giftiger Beimengungen krank werden. Die Zahl der HIV-, Hepatitis ABC - Neuinfektionen würde gegen Null konvergieren, wenn sterile Drogen mit sterilen Spritzen appliziert werden könnten. Generell würde die Zahl der IV-Drogengebraucher stark zurückgehen, da bei einem bezahlbaren Angebot von Drogen in guter Qualität erfahrungsgemäß die risikoreiche Konsumform des Spritzens von risikoärmeren wie Rauchen oder Sniefen verdrängt wird. 4. Unter Bedingungen der Lagalität könnte endlich eine effektive, realistische, wahrheitsgemäße Aufklärung und Prävention betrieben werden. In einem Klima der Offenheit könnte jeder, der mit seinem Drogenkonsum Probleme hat, offen darüber sprechen und sich Hilfe holen, ohne negative Konsequenzen/Sanktionen zu befürchten. Es könnte wahrheitsgemäß über Gefahren sowie (bei sinnvoller Anwendung auch) angenehme Effekte des Konsums verschiedener Drogen aufgeklärt werden. Es müßten nicht aus Gründen der Abschreckung die Gefahren übertrieben, die positiven Effekte völlig geleugnet werden, was heute leider noch die Regel ist. (Bekannterweise beeindruckt deshalb "Drogenprävention" z.Z. nur die Jugendlichen, die Drogen ohnehin ablehnen, während die Neugier der Unentschiedenen nur vergrößert wird.) Niemanden würden mehr übertriebene Horrorgeschichten erzählt, was derzeit zur Folge hat, daß Drogenprävention von den interessierten Jugendlichen sowieso als unglaubwürdig angesehen wird. (Siehe das vielzitierte Beispiel, daß durch die unsinnige Gleichsetzung von Cannabis und Heroin die Hemmschwelle sinkt, Heroin mal zu probieren, da man vom Cannabiskonsum ja auch nicht abhängig geworden ist.) Halt halt höre ich die geneigten Leser jetzt rufen: Legalisierung ist doch glatter Völkermord, weil dann das gesamte Land den Teufelsdrogen Heroin, Kokain, Crack (Liste läßt sich beliebig ergänzen, je nach Zeitgeist und Drogenmode) verfällt! Eine Variante dieser Kritik ist die Auffassung, daß die normalen, starken, gebildeten Mittelschichtsbürger natürlich den Verlockungen widerstehen können, wohingegen gerade die armen Unterpriviligierten vor ihrer moralischen Schwäche und Haltlosigkeit geschützt werden müssen. Schließlich ist man Humanist und Menschenfreund, und möchte nicht, daß sich die Unterschicht (die armen Geschöpfe können ja nichts für ihre Defizite) selbst zugrunde richtet. Zu diesem Einwand muß angemerkt werden, daß selbstverständlich niemand exakt voraussagen kann, wie sich eine Liberalisierung auswirken würde. Insofern ist die Fortführung der bestehenden Politik die vermeintlich sichere Wahl, weil die Auswirkungen bekannt sind. Wendet man dieses Argument konsequent an, so wäre jede Reform von vornherein abzulehnen, weil der Ausgang banalerweise ungewiß ist. Wie ich jedoch hoffe gezeigt zu haben, kann man durch eine historische Analyse die Auswirkungen einer Drogenfreigabe durchaus abschätzen. Zudem ist eine derartige Haltung, die auf die normative Kraft des Faktischen baut, fortschrittsfeindlich. Sie ignoriert die jahrelange Arbeit von Drogenexperten jeglicher Disziplin, und schätzt die Bedeutung wissenschaftlicher Erkenntnis gering. Die Auffassung, der Staat müsse die Verantwortung für den Drogenkonsum und die Lebensgestaltung seiner Bürger übernehmen, ist einer Demokratie nicht angemessen. Eine derartige Aufgabe wäre nur zu erfüllen in einer Diktatur, in einem totalitären System, in dem der Staat weitgehende Rechte besitzt und die Freiheit seiner Bürger unverhältnismäßig beschneidet. Niemand, besonders nach den Erfahrungen von Nationalsozialismus und real existierenden Sozialismus, wird sich für eine derartige Staatsform einsetzen. Deshalb ist die einzige Alternative eine Republik, basierend auf der freiheitlich demokratischen Grundordnung. Freiheit bedeutet in diesem Sinne nicht Freiheit von möglichen Lebensrisiken (totale Absicherung von der Wiege bis zur Bahre), sondern Freiheit dazu, eine Wahl zu treffen. Dieses Konzept von Freiheit beinhaltet tragischerweise auch die Möglichkeit zu scheitern, die falsche Wahl zu treffen, Fehler zu machen. Meiner Meinung nach besteht die einzige Eingriffsmöglichkeit der staatlichen Organe, um zu verhindern daß ein Bürger den "falschen" Weg geht, sich selbst schadet (z.B. zu viel und zu fett ißt, Zigaretten raucht, zu viel Alkohol trinkt, seine Gesundheit durch einen risikoreichen Fahrstil gefährdet usw.) darin, die Öffentlichkeit zu informieren und aufzuklären. Obwohl es nie echte Chancengleichheit unter den Bürgern geben wird, sollte doch jeder sich die Informationen beschaffen können, die nötig sind, um eine Entscheidung bezüglich des eigenen Vorgehens zu treffen. Genau wie die Bill of Rights den Amerikanern nicht etwa persönliches Glück verspricht, sondern lediglich jedem den "pursuit of happiness" gewährt, so muß auch unsere Verfassung und Gesetzgebung uns lediglich in die Lage versetzen, unsere Interessen zu vertreten. Dies bedeutet, ohne jeden Zynismus, daß es immer unglückliche Menschen geben wird. Es wird immer Unterschiede zwischen arm und reich geben (jede andere Einschätzung halte ich für Utopismus), es wird immer gesellschaftliche Randgruppen geben, Verbrechen und Kriminalität werden fortbestehen, es wird Alkoholiker, Drogenabhängige, und Übergewichtige geben, es wird menschliches Leid und Verzweiflung geben, Streit und Konflikte werden niemals alle friedlich gelöst werden können. Das einzige, was selbst verantwortungsvolle Politiker erreichen können, ist eine Reduzierung all dieser Probleme auf ein Mindestmaß. Was ich mit dieser Auflistung verdeutlichen will? Solange es Menschen geben wird, weder von Natur aus gut noch von Natur aus schlecht, sondern mit dem freien Willen geschaffen, sich für das eine oder das andere zu entscheiden, solange wird es auf der Erde keine paradiesischen Zustände geben. Es wird immer Drogen geben, weil es das menschliche Bedürfnis gibt, seinen Bewußtseinszustand zu verändern, das Bedürfnis nach rauschhaften ekstatischen Zuständen. Diese Erkenntnis ist so banal, daß es einen verwundert, daß die UNO wieder einmal beschlossen hat, die Erde innerhalb von zehn Jahren (deadline 2008) zu einem drogen- und suchtfreien Planeten zu machen. Unvorstellbar, gerade die ur-kapitalistischen USA, die alle kommunistischen Gesellschaftsversuche belächelt haben, weil persönliches Gewinnstreben einen unentfernbaren Teil des menschlichen Charakters ausmacht, sind in der Drogenfrage vom Erfolg ihrer Mission überzeugt, die menschliche Psyche durch Verbote und Gesetze dauerhaft zu verändern. Das amerikanische Sendungsbewußtsein in dieser Frage mutet seltsam an und wird auch nicht verständlicher, wenn man sich die Verbindung zwischen protestantischer Ethik und Kapitalismus klar macht. Zwar gehörte Geld scheffeln, Lustfeindlichkeit, Bigotterie und moralischer Rigorismus immer zusammen, trotzdem waren ja Länder mit ähnlicher calvinistischer/protestantischer Tradition wie die Schweiz und die Niederlanden in der Lage, ihre Drogenpolitik realistischer und humaner zu gestalten. Mit folgenden Forderungen möchte ich nun dieses Pamphlet beenden: Ich fordere besonders die europäischen Länder auf, den von ihnen eingeschlagenen Weg in Richtung harm reduction, Überlebenshilfe und akzeptanzorientierte Drogenarbeit fortzusetzen. Ich fordere die sofortige Einführung von Konsumräumen und Originalstoffsubstitution, die sofortige Legalisierung von Cannabisprodukten und mittelfristig die Legalisierung aller Drogen, kombiniert mit der Schaffung eines Verschreibungssystems. Langfristiges Ziel ist die Etablierung von Genußregeln und Konsummustern für die bisher illegalen Substanzen analog des Gebrauchs von Alkohol, der auch mehr oder weniger gut erlernt wurde. Ich behaupte, daß eine derartige Reform langfristig zu mehr kontrollierten Drogengebrauchern, eventuell auch zu mehr Abhängigen, aber zu weniger Drogentoten, Aidsinfizierten und -kranken und gesellschaftlichen Problemen führen wird. Ich fordere Politiker aus allen Parteien auf, endlich ihre zynische und menschenverachtende Politik zu überdenken, bei der sie jeden prohibitiven Aufwand, jede Präventionsbemühungen, koste es was es wolle, damit rechtfertigen, unsere Kinder vor vermeintlich schädlichen Einflüssen wie Drogen zu schützen, und dabei die Jugendlichen und Erwachsenen vergessen, deren Leben nicht aufgrund primärer Drogeneinwirkung, sondern durch die Folgeerscheinungen der Prohibition zerstört wurde. Ich fordere endlich die Einrichtung von interdisziplinären Zentren für Suchtforschung, damit zur Erklärung von Abhängigkeitserkrankungen nicht mehr auf populärwissenschaftliche Defizittheorien zurückgegriffen werden kann. Ich fordere die sorgfältige Evaluation aller therapeutischen Maßnahmen, die Überprüfung von Erfolgsquoten und Kosten-Nutzen-Effizienz, damit Gelder nicht mehr nach dem GießkannenPrinzip "Glaube, Liebe, Hoffnung" auch an die Einrichtungen verteilt werden, die sich jeglicher Überprüfung ihrer Arbeit mit dem Argument entziehen, auch eine Erfolgsquote von unter 3 Prozent rechtfertige den Aufwand, solange nur eine einzige Seele gerettet werde. (Nicht daß ich der einen Person ihre Gesundung nicht gönnen würde, ich denke nur an die zwanzig anderen Menschen, denen mit einer anderen, besseren Behandlung auch geholfen worden wäre!) Abschließend fordere ich alle Regierungen weltweit auf, die Schaffung und Förderung organisierter Kriminalität durch die prohibitionsbedingten riesigen Gewinne aus dem Handel mit Betäubungsmitteln endlich einzustellen, und durch Legalisierung und Besteuerung von Drogen die illegalen Märkte auszutrocknen. END THE WAR ON (SOME) DRUGS ! Doro P.S.: Ich kann durchaus einschätzen, wie furchterregend ernst meine Forderungen genommen werden (lach), ich wollte Euch halt nur mal meine Meinung zur gegenwärtigen Drogenpolitik (DP, wie meine Initialien) darlegen. P.P.S.: Bitte äußert zahlreich Kritik, Zustimmung, Unverständnis